Der Heilungsprozess

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Das „Heringsche Gesetz“

Eine Frage, die uns der Patient oft stellt, ist, wie rasch der Heilungsprozess verläuft. Die Zeitspanne hängt von vielen Faktoren ab. Jeder Krankheitsfall ist individuell, und jeder reagiert einmalig auf seine einzigartige Weise.

Eine allgemein gültige Regel zum zeitlichen Ablauf gibt es deshalb nicht. Die Heilung kann sofort eintreten oder sie kann längere Zeit in Anspruch nehmen. Eine schnell auftretende und sich rasch entwickelnde Krankheit heilt grundsätzlich schneller als eine langsam schleichend Verlaufende.

Es gilt auch zu berücksichtigen, wie tief die entsprechende Störung liegt und wie weit sie sich bereits im Organismus ausgebreitet hat. Sind bereits ernsthafte Veränderungen in den Organen oder Geweben entstanden, dauert es länger, bis die Lebenskraft die „Reinigungsarbeiten“ im Organismus vollendet hat.

Junge Menschen und Kinder reagieren in der Regel schneller als alte Leute.

Patienten, die viele Medikamente eingenommen oder zahlreiche verschiedene Therapien hinter sich haben, sind oft nicht mehr imstande, auf homöopathische Mittel adäquat zu reagieren. Deshalb muss mit einem längeren Heilungsprozess gerechnet werden.

Die Dauer der Erkrankung sowie die erbliche Veranlagung (miasmatische Belastung) spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Von Bedeutung ist auch das Gespräch mit dem Patienten. Es ist nicht damit getan, nach einer ausführlichen Fallaufnahme dem Patienten einfach ein paar Globuli zu geben und zu sagen: „Wir sehen uns dann in 3 Monaten wieder.“ Es ist wichtig, dass der Therapeut den Patienten versteht und ihm die Zusammenhänge und Entstehungsweise seiner Krankheitsgeschichte aufzeigen und erklären kann. Sobald der Patient sein Krankheitsbild besser versteht, hat er auch mehr Verständnis für all jene Reaktionen, die durch das homöopathische Mittel verursacht werden.

Man wird auch immer wieder mit Patienten konfrontiert, die nach jahrelanger erfolgloser Behandlung mit verschiedenen Therapien von der Homöopathie eine Heilung innerhalb von Wochen erwarten. Trifft dies nicht ein, wenden sie sich enttäuscht einer neuen Therapieform zu.

Denken Sie daran, chronische Krankheiten entwickeln sich über Jahre und sitzen tief im Organismus. Die Lebenskraft muss angesprochen und wieder auf den richtigen Kurs gebracht werden. Das braucht oft Geduld.

Geben Sie Ihrem Organismus die Zeit, die er braucht, um richtig gesund zu werden.

Die Heilung kann, wie bereits erwähnt, durch die Lebensweise des Patienten, wie reichlichen Alkoholkonsum, Rauchen, übermässigen Stress, Bewegungsmangel und anderen Raubbau an der Gesundheit des Menschen wie Drogen, Schlafmangel und Fehlernährung, erschwert oder verunmöglicht werden. Auch eine unzumutbare Familiensituation kann eine Heilung verzögern oder sogar verunmöglichen.

Wie bereits erwähnt, gibt es für den zeitlichen Heilungsverlauf keine allgemein gültige Regel. Die Art des Heilungsablaufes untersteht jedoch einer Gesetzmässigkeit und ist nach dem Entdecker Konstantin Hering (1800 – 1880) benannt. Er postulierte folgende drei Gesetze:

„Die Heilung erfolgt von oben nach unten, von innen nach aussen und in umgekehrter Reihenfolge des Entstehens.“ Was genau darunter zu verstehen ist, wollen wir mit folgenden Beispielen verdeutlichen.

1. Heringsches Gesetz: Von oben nach unten:

Ein Patient kommt u.a. wegen Schulterschmerzen, die er seit Monaten hat, zur Behandlung. Bei der nächsten Konsultation ist er von Rückenschmerzen befallen. „Wie geht es Ihrer Schulter?“ „Da verspüre ich keine Schmerzen mehr.“ Das Krankheitsgeschehen hat sich weiter nach unten verlagert. Drei Wochen später klagt er über Knieschmerzen. Der Rücken ist inzwischen beschwerdefrei. Später verlangt er ein Mittel für Knöchelschmerzen.

Gibt man nun für diesen Zustand in Unkenntnis der Heilungsgesetze und des Heilungsverlaufes ein Mittel, so ist der Patient für kurze Zeit beschwerdefrei. Der Heilungsablauf wird unterdrückt, und die alten Schulterschmerzen treten wieder auf.

Man muss den ganzheitlichen Verlauf der konstitutionellen Behandlung verfolgen. Die Beschwerden haben sich genau nach der Hering´schen Regel entwickelt, sie haben sich von oben nach unten verlagert.

Wie bei seinen Rücken- und Knieschmerzen, bekommt der Patient deshalb auch diesmal kein Mittel für den neuen akuten Zustand und nach einiger Zeit ist er auch von seinen Knöchelbeschwerden befreit.

2. Gesetz: Von innen nach aussen:

Die Heilung erfolgt vom Zentrum zur Peripherie, d.h. von den wichtigeren Organen zu den weniger wichtigen. Das Gemüt, die Psyche als „Innerstes“ eines Menschen bessert zuerst. Anschliessend folgen die lebenswichtigen Organe wie Herz, Leber, Nieren, Lungen. Dann folgt der Bewegungsapparat.
Die Haut als äusserstes Organ heilt am Schluss. Als äusserste „Schicht“ hat sie eine Reinigungsfunktion. Deshalb können Hautbeschwerden sehr hartnäckig sein.

3. Gesetz: In umgekehrter Reihenfolge des Entstehens:

Krankheiten, die erst kürzlich aufgetreten sind, werden zuerst geheilt. Die Krankheitsgeschichte wird oft chronologisch rückwärts aufgerollt. Am Schluss verschwinden die Krankheiten, die man am längsten hat.

Ein Patient hat seit der Kindheit Kopfschmerzen, seit 5 Jahren Magenbeschwerden und seit 1 Jahr leidet er an Asthma. Somit verschwindet zuerst das Asthma, dann die Magenbeschwerden und am Schluss die Kopfschmerzen.

Zum „Heringschen Gesetz“ gilt noch zu sagen, dass jeweils nur eine der drei Regeln stimmen muss.

Einführung in die Homotoxikologie

Die Homotoxikologie, die von Dr. Hans-Heinrich Reckeweg (1905–1985) entwickelte Theorie über die Wechselbeziehungen zwischen Gesundheit und Erkrankung, versteht Krankheit als Abwehr des menschlichen Körpers gegen toxische Substanzen (Homotoxine), die die intrazelluläre Matrix schädigen können. Seinem therapeutischen Modell zufolge werden Art und Schwere einer Erkrankung durch die Dauer und Intensität von Toxin-Einlagerungen im Verhältnis zum körpereigenen Vermögen zur Entgiftung bestimmt. Das „Verstopfen“ der Matrix behindert die Bewegung der Zytokine und Nährstoffe von den Blutgefäßen in die Zellen, stört den stabilen Status des Körpers und verhindert biologisch wichtige Prozesse. Die sich daraus ergebenden Störungen, die sich irgendwann in Form von Krankheiten äußern, stellen den Versuch des Körpers dar, den Status des individuellen biochemischen Gleichgewichts wiederherzustellen. Für Reckeweg war die Wiederherstellung dieses Gleichgewichts das ultimative Ziel jeder medizinischen Behandlung.

Sechs-Phasen-Tabelle

Die Homotoxikologie ist eine der großen Erfolgsgeschichten in der Medizin. Ursprünglich konzipiert, die Dynamik von Krankheiten und die dazu angepasste Wirkungsweise einer eigenen Klasse homöopathischer Arzneimittel zu erklären, hat sich dieses Modell zu einer umfassenden Darstellung zum Verständnis von Krankheiten entwickelt.

Die Sechs-Phasen-Tabelle, zuerst von Reckeweg entwickelt und später verfeinert, ist ein Entscheidungsmatrix in Form eines Koordinatensystems, welches die Beziehung zwischen dem Grad an Funktionsblockaden der extrazellulären Matrix und möglichen gesundheitlichen Schädigungen aufzeigt.
Die sechs Spalten der Tabelle zeigen zunehmende Toxinschädigungen (auf der horizontalen Achse) in Beziehung zu den Störungen, die sie in verschiedenen Organen verursachen (auf der vertikalen Achse). Die Progression der Krankheit des Patienten lässt sich von links nach rechts verfolgen („progressive Vikariation“), eine Verbesserung von rechts nach links („regressive Vikariation“).

In den Humoralen Phasen reagiert der Körper mit Inflammation und erhöhter Ausscheidung von Flüssigkeiten (den „Humores“ der Schulmedizin). In den Matrixphasen kommt es zu tiefer sitzenden Schäden. Eine regressive Vikariation ist ohne Hilfe von außen, nicht mehr möglich. Eine gezielte Antihomotoxische Therapie ist in der Lage, die Blockaden im Körper wieder zu lösen. In den Zellulären Phasen kommt es zu erkennbaren Dauerschäden an den Zellen.